Tilia platyphyllos - Sommer-Linde

                          "Baum des Jahres 1991"

      Familie : Tiliaceae - Lindengewächse
      Ordnung : Malvales - Malvengewächse

	
 Besonderheit : Gilt seit Jahrhunderten als "Freiheitsbaum" und wurde Symbol für
                Freiheit und Frieden zur deutschen Wiedervereinigung im Oktober 1990;
                seit der Jungsteinzeit eine der wichtigsten Baumarten der Eichenmisch-
                wälder, jedoch seit der Buchenzeit und durch modernen Waldbau fast
                völlig aus den Beständen verdrängt.
  Verbreitung : Schwerpunkt in Mittel- bis Südeuropa; W-Ukraine, Vorderasien; gegen
                Nordosten und Norden ist ihr Areal enger begrenzt als jenes der
Winter-Linde (Tilia cordata); Verbreitungsgrenze in Deutschland:
niedersächsische und westfälische Bucht, niedersächsisches Hügelland, Thüringen und Sachsen; oft gepflanzt und verwildert. Standort : Sonnig bis halbschattig, wärmeliebend. Boden : Gleich bleibend frisch bis feucht, nährstoffreich, tiefgründig;
alkalisch bis schwach sauer, kalkliebend.
Wuchs : Baum 1. Ordnung; meist kurzer, kräftiger Stamm mit weit in die Krone
hineinragenden Hauptästen; dichte Krone, tief ansetzend, zunächst
breit eiförmig, später rundlich gewölbt; untere Äste hängend, stärker
wachsend als bei der Winter-Linde (Tilia cordata). Größe : Höhe 15-30 (40) m, Breite 15-25 m;
Jahreszuwachs in der Höhe ca. 45 cm, in der Breite 30-35 cm. Lebensdauer : Natürliche: 900-1000 Jahre (eine alte Volksweisheit sagt, dass die Linde "300 Jahre komme, 300 Jahre stehe und 300 Jahre vergehe"), maximale: 1500 Jahre; Nutzungsalter im Forst: 120-140 Jahre. Rinde : Glatt; graubraun und durchzogen von hellgrauen, senkrecht gewellten Streifen mit dazwischen liegenden dunkelbraunen Spalten. Borke : Grob längsrissig, dunkelbraun-schwärzlich mit rhombenartiger
Zeichnung. Holz : Weich und leicht bis mittel-schwer: zäh, fest, biegsam, elastisch, aber wenig trag- und druckfest; Reifholz; Splint- und Kernholz farblich einheitlich: weißlich-gelblich, gelegentlich leicht bräunlich oder rötlich; fein- und zerstreutporig; mittlere Rohdichte 0,48-0,75 g/cm³; im Witterungswechsel und unter Wassereinfluss sehr geringe Dauerhaftigkeit; getrocknet reißt und arbeitet es kaum noch, daher in alle Schnittrichtungen gut und leicht zu bearbeiten; Eiweißgehalt sehr hoch, deswegen oft Befall von Holzwürmern. Triebe : Zweige anfangs meist dünn behaart, sonnenseits rotviolett, schatten- seits hell rotbraun, später braun und schattenseits grün. Knospen : 6 mm lang; eiförmig; rotbraun-rotviolett glänzend, auf der Schatten- seite grün; 2-3 Schuppen sichtbar, untere Schuppe meist nur bis Knospenmitte reichend; Seitenknospen zweizeilig angeordnet. Blatt : Sommergrün; wechselständig; Länge 8-15 cm, Breite bis 12 cm, Blattstiel 2-5 cm lang - "Großblättrige Linde"; rundlich bis schief herzförmig und kurz zugespitzt; Blattrand scharf und unregelmäßig gesägt; Blattstiel und Blatt auf beiden Seiten samtig behaart; Oberseite dunkelgrün, Unterseite heller; mit stark hervor tretenden Adern und in den Aderwinkeln weißgraue Achselbärte, die sich ab Spätsommer bräunlich färben; Herbstfärbung gelb im Oktober. Blüte : Einhäusig; im Juni-Juli; gelb; meist 3-blütig (2-6) in hängenden, gestielten, 1-1,5 cm breiten Trugdolden; mit einem langen, weißlich- gelben, häutigen und flügelartigen Hochblatt ("Flügelblatt"), zur Hälfte verwachsen mit dem Blütenstiel; Kelchblätter (5): gelblich-weiß, eiförmig, 3-4 mm lang, Kronenblätter (5): gelblich-weiß, länglich, 5-8 mm lang, Fruchtknoten: oberständig, grün, stark behaart, umgeben von 30-40 Staubblättern; angenehm duftend; enthält viel Schleim, Zucker, Wachs, Gerbstoffe und Spuren eines ätherischen Öls, welches das würzig riechende Farnesol beinhaltet; nach 15-20 Jahren. Frucht : Ab September; erbsengrosse Nuss (8-10 mm): spitz eiförmig bis oval oder kugelig, stark verholzt, dickschalig, samtig behaart mit 4-5 ausgeprägten Rippen; erst grün, später braun. Samen : Werden mit der Frucht hauptsächlich durch den Wind verbreitet: das Hochblatt (s. Blüte) dient dem Fruchtstand als Flugorgan, wobei das rotierende Flügelblatt die Sinkgeschwindigkeit vermindert und die Flugdistanz erhöht. Wurzel : In den ersten 7-8 Jahren Pfahlwurzelbildung, später entwickelt sich ein kräftiges, unregelmäßiges Herzwurzelsystem mit hohem
Feinwurzelanteil. Krankheiten/ Schädlinge : Regelmäßiger starker Befall von Blattläusen und Honigtau-Pilzen: sie färben die Blätter schwarz und machen sie unansehnlich; Linden-Miniermotte: nur 1 Generation pro Jahr und vernachlässigbar. Ökologie : Guter Bodenbefestiger; Laub wirkt stark bodenverbessernd; sehr gute Bienenweide; die im Herbst bis Winter abfallende Nuss ist für kleine Nagetiere eine willkommene Zwischenverpflegung; schnittfest, hohe Regenerationsfähigkeit; sehr gutes Stockausschlagsvermögen - daher gerne eingesetzt als Pionierbaumart auf Steinschutthalden. Eigenschaften : Benötigt hohe Luftfeuchtigkeit; Hitze und Trockenheit nicht ver-
tragend; spätfrostgefährdet; empfindlich gegen Luftverunreinigung und Salz. Verwendung : Dorfbaum, Straßen- und Alleebaum im Außenbereich, Solitärbaum in Parkanlagen, für hohe Hecken, Waldbaum; wegen der hohen Ansprüche und ausgeprägten Empfindlichkeit gegenüber Umweltgiften, Hitze und Trockenheit im städtischen Bereich nur bedingt verwendbar. Sorten : T. platyphyllos ´Aurea`: Rinde der Jahrestriebe auffallend hellgrün, besonders im Winter; in Parks. T. platyphyllos ´Laciniata`: Blätter 5-6 cm lang, Spreite tief eingeschnitten und oft gekräuselt; gelegentlich in Parks. Holz-Nutzung : Aufgrund des weichen Holzes gut geeignet für Zeichenbretter, Gefäße, Truhen, Spielwaren; wegen der guten Bearbeitbarkeit äußerst beliebt in der Schnitzerei und Bildhauerei; liefert vorzügliches Furnier, hochwertige Filter- und Zeichenkohle sowie gute Holzwolle; seit der Frühzeit sehr geschätzt wegen des Bastes, aus dem bis heute Seile, Matten, Körbe, Säcke sowie Bindematerial für den Obst- und Gemüsebau angefertigt werden; wegen der häufigen Verwendung in der Sakralkunst des Hoch- und Spätmittelalters früher als "Heiligenholz" ("Lignum sacrum") bezeichnet. Heilkunde : Lindenblüten sind als "Flores Tilae" offiziell als Heilmittel anerkannt; seit dem 16. Jhdt. wird Lindenblütentee als schweiß- treibendes und fiebersenkendes Mittel bei Erkältungen und Grippe eingesetzt. Bedeutung : Bei den Germanen galten die auf Hügeln angepflanzten und somit weit sichtbaren Linden als "Freiheitsbäume" - wer ihr schützendes Dach erreichte, durfte nicht mehr ergriffen und gerichtet werden ("Thing"); kaum ein anderer Baum steht dem Menschen seit frühen Zeiten näher als die Linde: unter Linden wurde Recht gesprochen ("Gerichts-Linden" - "juridicium sub tilia"), jedes Dorf besaß als Mittelpunkt eine Linde - zur Rast und Besinnung, als Treffpunkt für Jung und Alt zu ernsten und fröhlichen Anlässen ("Tanz-Linde"), zahlreich sind die Personen-, Flur-, Orts- und Straßennamen ("Unter den Linden"), in denen das Wort "Linde" vorkommt, heute häufig in Gärten von Gasthäusern ("Zur Linde") und in Biergärten zu finden als Schattenspenderin, die den Gast zum Verweilen einlädt; gilt auch als "Baum der Liebenden": die Linde der Liebesgöttin Freya war bereits den Germanen heilig - diese Gottheit stand als Sinnbild für Fruchtbarkeit, Mütterlichkeit, Herzlichkeit, Güte und immer währendes Leben. Lyrik : Der Lindenbaum (Auszug) Am Brunnen vor dem Tore Da steht ein Lindenbaum. Ich träumt in seinem Schatten So manchen süßen Traum. Ich schnitt in seine Rinde So manches liebes Wort. Es zog in Freud und Leide Zu ihm mich immer fort. (Volkslied von Wilhelm Müller) (vertont von Franz Schubert) Trageser C. www.gartenagentin.de Wächtershäuser C. www.baumwaechter.de (2003)
 

Älterer Baum


Herzförmiges Laub

Trieb mit Knospen


Borke

Wächtershäuser 2009